Samstag, 9. August 2008

Das Toben der Goebbels-Erben

In der Nacht auf den 8. August, dem Tag der Olympia-Eröffnung, was in der zivilisierten Welt seit je her als Anfang einer Friedensperiode gilt, eröffnete der georgische Präsident mit der "Grad"-Artillerie (moderne Katjuschas) ein Trommelfeuer auf die im Talkessel an der Grenze zu Georgien liegende südossetische Stadt Zchinvali. Den schweren Zerstörungen folgte ein Eroberungsversuch, wobei auch russische Friedenssoldaten, die sich durch ein UN-Mandat in Südiessetien aufhalten, angegriffen wurden. Durch die rücksichtlosen Artillerie-Beschüsse mit ihrer breiten Streuung kam es im Stadtgebiet zwangsläufig zu massenhaften Sterben der Zivilisten. Erst das Eingreifen Russlands setzte diesem blutigen Vormarsch ein Ende.

Die kleine Republik Süd-Ossetien hatte sich, ähnlich wie Abchasien, 1992 von Georgien nach einem blutigen Krieg losgesagt und ihre Unabhängigkeit erklärt. Diese wurde bislang von niemandem anerkannt - auch nicht von Russland. Um jedoch weiteres Blutvergießen zu vermeiden, stellte Russland einen, wenn auch brüchigen, Frieden her, der den Status Quo einfror. Da die Südosseten und die Abchasier georgische Pässe weder bekommen konnten noch wollten, besorgten sie sich die Staatsbürgerschaft des Rechtsnachfolgers der UdSSR.

Der Präsident Georgiens Michail Saakaschwili, der sich 2003 mit erheblicher finanzieller und organisatorischen US-Hilfe an die Macht geputscht hat und seitdem das Land im schnellstmöglichen Tempo in die NATO peitscht, kann seinen Lebenstraum nicht verwirklichen, solange Georgien noch durch ungelöste Territorialfragen belastet ist. Ferner lässt sich durch das Aufzeigen eines äußeren Feinds von den wachsenden inneren Mißständen und erheblicher ziviler Unruhe ablenken (erst vor einem halben Jahr ließ Saakaschwili Massenproteste der Opposition gewaltsam unterdrücken). Doch nachdem die Osseten und die Abchasen ihre Unabhängigkeit geschmeckt haben, werden sie sich nie mehr unter die Knute Georgiens begeben. Erbitterter Widerstand war garantiert. Und seitdem die westliche Welt das Kosovo widerrechtlich anerkannt hat, anderen Regionen dasselbe Recht aber vorenthält, braucht sich im Grunde auch Russland nicht mehr zu genieren. Deshalb ging die militärpolitische Kalkulation Saakaschwilis mächtig in die Hose. Aber es gibt ja noch die globale PR-Dimension.

Die westlichen Medien haben nach anfänglicher überraschungsbedingten Zurückhaltung ihre volle Heuchel- und Lügenpower ausgerollt. Tendenziöse Schlagzeilen, verdrehte Tatsachen, falsch zugeordnete Bilder - kein Mittel ist mittlerweile ungenutzt. Ganz gut hat es ein Gast bei Spiegelfechter-Blog auf den Punkt gebracht:

Jetzt zu den Medien. In den heute-Nachrichten wird darüber berichtet. Dann fragt der Moderator die Reporterin, ob man denn sagen könne, wer der Aggressor sei. Dies wird von der Reporterin verneint, das könne man nicht klar sagen! Da Russland offenkundig diesmal nicht als reiner Aggressor dargestellt werden kann, wird zumindest versucht, beide Parteien auf eine Stufe zu stellen. Sieben Verletzte beklagt Georgien durch russische Bombardierungen (die Russland dementiert), das wird eifrig zitiert. Sieben Verletzte! Gegen 1.400 Tote durch Flächenbeschuss! Georgien hat sich offenbar verkalkuliert, wollte Zchinwali im Handstreich nehmen. Jetzt, wo Russland seine Friedenstruppen verstärkt, spricht der georgische Präsident Micheil Saakaschwili von einer “russischer Aggression”.
BILD zeigt ein Bild von georgischen Raketenwerfern, sagt kein Wort, dass es sich dabei um eine georgischen Angriff handelt sondern montiert Putin Gesicht in das Bild und titelt: “RUSSLAND MARSCHIERT IN SÜDOSSETIEN EIN”
Am schlimmsten hetzt die taz: “Moskaus Armee marschiert in Südossetien ein - und bombardiert Stützpunkte der georgischen Armee. Russland bricht so offen das Völkerrecht. Georgien ruft USA zur Hilfe. Schon 1.400 Tote.”
Wer nur die Headline liest, könnte meinen, die 1400 Toten gingen auf das Konto Russlands. Im Artikel selber klärt sich zwar das Bild etwas. Trotzdem skandalisiert die taz vor allem den “Einmarsch” der Russen (die schon längst da waren, seit Jahren) und den Bruch des Völkerrechts. So als ob die taz nicht zu den Ersten gehören würde, die den Bruch mit dem Völkerrecht fordert, wenn Massaker verübt werden (siehe Jugoslawien). Bloss das diesmal die Massakrierenden “unsere Jungs” sind und es ja nur ossetische “Russenfreunde” trifft. Hätte Serbien eine kroatische Stadt mit Stalinorgeln bombadiert hätte die taz als erstes “Völkermord!” geschrien.
Da hat er allerdings noch nicht die britische Guardian gelesen. In einem "Analyse" namens "Der Krieg, den Russland will" steht da:

"Seit Monaten haben Beobachter vermutet, dass Moskaus Provokationen in Georgien den Zweck hatten, einen Krieg im Kaukasus auszulösen. Nun sieht es so aus, als hätte Russland bekommen, was es wollte... Georgien repräsentiert genau das, was Moskau an seiner Grenze nicht sehen will: Ein Land, das sowohl unabhängig als auch zusehends demokratisch ist. Moskau sucht stattdessen Unterwerfung, vorzugsweise unter autokratische Herrscher, die es manipulieren kann."

Christian Neef von Spiegel Online sieht in seinem unter aller moralischen Sau geschriebenen Artikel die langfristige Lösung darin, dass die Osseten nach Russland übersiedeln sollen. Eine Deportation von Menschen aus ihrer angestammten Heimat also, um den Georgier einen Landstrich zu überreichen. Zuvor bemerkt er vieldeutig, dass angeblich bereits Leo Trotzki die Osseten als "ein grobes und gewalttätiges Volk" bezeichnete. Mit solch primitiven Mitteln wird versucht, die Sympathieverteilung des in der Region nicht sehr kundigen Durchschnittslesers zu manipulieren. Kein Wunder, dass sich immer mehr Deutsche bei solch einem ideologischen Futter in ihrer Intelligenz beleidigt fühlen und widersprechen.

Kommentare:

W.M. hat gesagt…

@DerUnbequeme
Hab ichs nicht gesagt? Also noch vor den Wahlen und was hört man von McCain?
Ich gebe noch eine Prognose ab McSame wird es doch noch schaffen!
Ich hoffe Russland ist schlau genug um es bei einer Befreiung Süd Ossetients zu belassen.

Die Hilfeschreie des Sakaschwilli auf CNN (auf englisch und EU-Flagge im Hintergrund) zeigt wie erbärmlich und verlogen die westliche Presse ist.

Anonym hat gesagt…

Mit einigen Ausnahmen glaube ich das die Presse in Dtl. relativ distanziert und neutral über die Geschehnisse berichtet. Diesen Rundumschlag auf unsere Medien finde ich eher unangebracht.

Anonym hat gesagt…

Hallo Unbequemer,

Ganz so schlimm ist die Berichterstattung dieses mal nicht. Ich habe viele recht neutrale Berichte in der westlichen Presse gesehen und gelesen.

Sicher ist, daß die USA keinen Finger für Georgien rühren wird.

Gruß
Marcus

der unbequeme hat gesagt…

Ach, nicht so schlimm?

O-Ton Putin gestern in Wladikawkas: "Georgien will in die NATO, um andere Länder in ihre blutigen Abenteuer mit hineinzuziehen".

SPIEGEL ONLINE Schlagzeile ganz oben:

Putin droht der NATO

Anonym hat gesagt…

"Der Nato drohte er: Ein Beitritt Georgiens zu dem Bündnis ziehe andere Länder in blutige Abenteuer"

Das steht direkt darunter. Der Sachverhalt korrekt wiedergegeben. Wo ist also das Problem?

der unbequeme hat gesagt…

Das Problem ist, dass das keine Drohung, sondern eine Warnung ist. Außerdem ist die Schlagzeile, so wie sie da steht, aus dem Konzept gerissen und unterstes Boulevard-Niveau. Hier wird spontan etwas komplett anderes suggeriert. Diejenigen, die nur die Schlagzeilen überfliegen, werden völlig desinformiert.

Anonym hat gesagt…

@Der Unbequeme,
genau und deshalb sollten auch Sie erst die Artikel lesen und nicht nur die Schlagzeilen, bevor Sie sich eine Meinung bilden("Ach, nicht so schlimm?

O-Ton Putin gestern in Wladikawkas: "Georgien will in die NATO, um andere Länder in ihre blutigen Abenteuer mit hineinzuziehen".

SPIEGEL ONLINE Schlagzeile ganz oben:

Putin droht der NATO")

der unbequeme hat gesagt…

Ich spreche nicht für mich, sondern für eine große Mehrheit anderer Leser, die möglicherweise nicht so genau nachlesen.

Es ist nicht zu viel verlangt, dass Schlagzeilen dem Inhalt des Artikels entsprechen und nicht sinnverdreht, tendenziös und sensationistisch sind. Das Spiel mit dem "empörten Schlagzeilen" - ein beliebter Manipulationstrick.

Anonym hat gesagt…

Stimmt, deswegen sollte man sie ja auch immer lesen, die Artikel ;) Aber es stimmt, es ist eigentlich nicht zu viel verlangt, dass Überschrift und Inhalt übereinstimmen. Das lernt man schon in der Grundschule - aber wenns um "Leser"="Geld" geht, hört eben jeder Skrupel auf. Das hat Marx schon gesagt und er hatte leider recht.

Marcus hat gesagt…

Hallo Unbequemer,

Das "nicht so schlimm" bezog sich nicht auf Titel oder Bebilderung sondern auf den Inhalt.
Dort war die Einseitigkeit schon weit schlimmer. Das hätte ich klarstellen sollen.

Ich habe nun schon einige Artikel gelesen und Berichte gesehen die Verständnis für das russische Vorgehen zeigen und versuchen die Situation im Kaukasus nicht zu sehr zu vereinfachen.

Leser die nur Bild-chen und Schlagzeilen lesen hatte ich nicht im Visier.

Zu meiner Freude kann ich auch berichten, dass sich das Russlandbild meiner durchschnittlich interessierten Verwandten und Freund in den letzen Jahren ins eher Positive verschoben hat.
Ich würde dem Ganzen einfach mal eine Generation Zeit geben. Dann wird Russland wohl einfach nur als normales, aber großes Land gesehen werden.

Gruß
Marcus




Gruß
Marcus

Anonym hat gesagt…

@Der Unbequeme
Habe mit Interesse deinen Blog verfolgt und teile deine Meinungen über die Doppelmoral und undifferenzierte Berichterstattung in den westlichen Medien in Bezug auf Russland.
Mir ist ein besonderes Anliegen dafür nicht nur virtuell sondern auch ganz real meine Meinung zu äussern. Ich habe deshalb eine Demonstration am Samstag den 16.8 in Hamburg angemeldet mit dem Thema "gegen die anti-russische Berichterstattung im Georgien-Konflikt". Leider bin ich bisher auf wenig Resonanz in diversen Online-Foren gestossen und würde mich auf rege Teilnahme freuen.
Bei Interesse würde ich gerne meine e-mail und genaue Zeit und Ort bekanntgeben.

der unbequeme hat gesagt…

Hallo Anonym vom 15. August 2008 09:54!

Vielen Dank für Dein Engagement für Russland! Ich habe mich schon länger gefragt, warum die Mehrheit der Menschen, die außenpolitisch oftmals eine andere Meinung besitzt, als die Mainstream-Medien, so passiv ist und nichts dagegen unternimmt, mit der Intelligenz beleidigenden und monotonen offiziellen Propaganda berieselt zu werden.

Deine Ehrlichkeit und Zivilcourage beeindrucken mich sehr! Leider stamme ich aus dem süddeutschen Raum und werde so kurzfristig nicht mehr kommen können. Wir können aber gern E-Mail-Adressen austauschen und in Kontakt bleiben.

alexn@gmx.de

Anonym hat gesagt…

Unbeqemer privet,

Vielen Dank für dieses Blog, in dem endlich mal einige Dinge geradegerückt werden!
Bezüglich deutscher Berichterstattung habe ich leider feststellen müssen das dieses Thema - Zitat:
""Report Mainz" deckt auf
Deutsche Sturmgewehre in Südossetien eingesetzt

Das georgische Militär verfügt offenbar über deutsche Waffen. Wie das ARD-Magazin "Report Mainz" berichtet, sind Spezialeinheiten unter Verletzung der Export-Grundsätze der Bundesregierung mit deutschen Sturmgewehren von Heckler&Koch beliefert worden. Dem SWR-Magazin liegen aktuelle Fotos vor, die georgische Soldaten mit diesen Waffen in Südossetien im Einsatz zeigen."
Quelle:http://www.tagesschau.de/inland/reportmainz100.html
von den deutschen Medien doch plötzlich recht stiefmütterlich behandelt wird. Wurde hier ein Maulkorb verhängt, damit sich Frau Merkel nicht lächerlich macht, wenn sie in Tiflis lauthals den NATO Beitritt Georgiens propagiert?